Auszüge aus Presseveröffentlichungen rund ums Thema
Korruption im Alltag - oder was man so "Alltag" nennt..........


   
 

Wie normal ist Korruption?

Analyse: VW, DaimlerChrysler und jetzt Infineon.
50 Milliarden Euro Schaden bundesweit. Studium für Kontrolleure.

Von Melanie Wassink

Hamburg -

Als wäre die VW-Affäre mit immer neuen Schlagzeilen um Sex und Schmiergeld nicht schon genug, bestätigte sich gestern ein neuer Korruptions-Skandal. Tatort: Infineon, einst aus der Chipproduktion von Siemens hervorgegangen. Nach einer Durchsuchung beim bereits zurückgetretenen Vorstand Andreas von Zitzewitz, ist Staatsanwalt Christian Schmidt-Sommerfeld überzeugt: "Nach vorsichtiger Bewertung der Ermittlungsergebnisse hat sich der Verdacht der Zahlungen bestätigt". Zitzewitz soll im Zusammenhang mit Motorsport-Sponsoring Schmiergelder von 259 000 Euro erhalten haben.

Im öffentlich-rechtlichen Fernsehen bei der ARD sehen sich Führungskräfte Vorwürfen um Bestechlichkeit, Bilanzmanipulation und Schleichwerbung ausgesetzt. In Stuttgart ermittelt die Staatsanwaltschaft inzwischen gegen 17 Personen, die sich bei Mauscheleien im Vertrieb von DaimlerChrysler bereichert haben sollen. Zu ihnen gehört der ehemalige Chef der Mercedes-Niederlassung Hamburg, Walter Missing.

Zwar wird die Zahl der Korruptionsfälle nach Meinung von Experten nicht höher, doch wegen besserer Kontrolle kommt heute mehr ans Tageslicht - die Medien berichten häufiger und die öffentliche Wirkung der Skandale ist größer als vor Jahren. Allein 2004 betrug der Schaden daraus 50 Milliarden Euro. In 43,1 Prozent der Fälle entstammen die Täter dabei der Baubranche, zu 15,4 Prozent dem Dienstleistungsgewerbe, worunter auch Banken und Finanzdienstleister fallen. Vor allem Angehörige der oberen Führungsebene zahlen Schmiergelder. Allerdings ist die Dunkelziffer immens hoch, weil wenig Interesse an der Aufdeckung besteht - beide Seiten, Zahlende und Empfänger sind Täter.

Das zeigt auch die Erfahrung, die der Verein Pro Honore mit Hamburger Firmen gemacht hat: Vor zwei Jahren haben Handwerks-, Handelskammer und Pro Honore, die sich für Treu und Glauben im Wirtschaftsleben einsetzen, einen Aufruf zur Korruptionsbekämpfung gestartet. Bis heute hat kein einziger Hamburger Betrieb die Vereinbarung unterschrieben, die Mitarbeitern erlaubt, anonyme Hinweise über Unregelmäßigkeiten an Pro Honore weiterzugeben. "In Fällen wie bei VW gibt es meist viele Mitwisser, die sich aber niemanden anvertrauen können", erklärt Pro-Honore-Chef Otto Dobbeck den Nutzen seines Vereins. Allerdings könnten es auch die Kosten sein, die Firmen scheuen: Bis zu 12 500 Euro nimmt Pro Honore für die Bereitschaft, jederzeit für die Aufklärung bereit zu stehen.

Doch Korruptionsbekämpfung ist nicht nur teuer. Sie wird häufig einfach als unnötig angesehen: Das Unrechtsbewußtsein vieler Beteiligter ist gering. Schließlich ist Bestechung auch hierzulande ein "mehr oder weniger professionell genutztes Mittel" des normalen Geschäftsgebarens, so der BKA-Lagebericht.

Allerdings sorgen Gesetzesverschärfungen dafür, daß Korruption nun in vielen Fällen vom Kavaliersdelikt zur Straftat wird. "Die Zeiten, als Unternehmen ihre Ausgaben für Bestechung im Ausland steuerlich geltend machen konnten, sind vorbei", sagte Korruptionsexperte Henning Herzog dem Abendblatt. Vielmehr könnten sich jetzt selbst Vorstände nicht mehr ihrer Verantwortung entziehen, wenn Mitarbeiter in Korruption verwickelt sind. In vielen börsennotierten Unternehmen müßten die Chefs sogar persönlich für Vermögens- und Imageschäden haften.

"Ein Vorstandschef wie Jürgen Schrempp haftet mit einer Million Dollar aus seinem Privatvermögen und muß mit bis zu zehn Jahren Freiheitsstrafe rechnen", erklärt Herzog die neuen Richtlinien, die ihren Ursprung in den USA haben. Dort hatten nach den Enron- und WorldCom-Pleiten unzählige Rentner ihre Altersvorsorge verloren - daher will man zukünftig verhindern, daß Wirtschaftskriminalität zu Totalausfällen für Anleger führen kann, sagt Herzog, der bei diesem Thema an der Quelle sitzt: Herzog ist Direktor des Institutes für Risk & Fraud Management an der Berliner Steinbeis-Hochschule, wo Studenten im Sommer erstmals einen MBA-Abschluß für Risikomanagement und Korruptionsprävention ablegen können.

Die studierten Wirtschaftskriminalitäts-Bekämpfer werden voraussichtlich bald in großen deutschen Konzernen die Präventionsinstrumente einführen, die heute in den Alltag zumindest derjenigen Unternehmen einsickern, deren Aktien an US-Börsen gehandelt werden. Beispiel DaimlerChrysler: Dort können Mitarbeiter seit kurzem per E-Mail oder Telefon anonyme Hinweise über Unregelmäßigkeiten loswerden. Mit der Hotline "kommt jetzt schneller raus, wer bei wem den Rasen mäht, " sagt ein Mercedes-Mitarbeiter mit Blick auf den Ex-Chef der Daimler-Chrysler Vertriebsorganisation, Eckhard Panka, für den Untergebene ein Haus auf Mallorca renoviert haben sollen.

Weitere Vorbeugung bringen die Kontrolle der (dienstlichen) E-Mails von Mitarbeitern und eine immer umfangreichere Revision, die das Zahlenwerk der Controller überprüft. "In Großkonzernen sind damit schnell 400 Mitarbeiter beschäftigt", weiß Herzog. Zehntausende Geschäftsprozesse müßten dokumentiert werden. Die Arbeit sei so umfangreich, weil überall illegales Handeln drohe, vom Einkauf über das Lager bis hin zum Verkauf.

Weil zum Horrorszenario vieler Unternehmen dabei auch der unvorhergesehe Besuch von Kartellwächtern gehört, greifen die Konzerne schon mal zu theaterreifen Generalproben: "Dann verkleiden sich 30 bis 40 Anwälte als Kartellwächter, stehen morgens im Büro, durchwühlen die Schränke und nehmen verdächtige Ordner mit", erzählt Manuel Lorenz, Partner der Anwaltskanzlei Baker & McKenzie mit Blick auf Autohersteller, die mit Graumarktgeschäften im Blick der Kartellbehörden stehen. Sinn der Übung: So sollen die Mitarbeiter lernen, wo sie die Einsicht in Akten verweigern dürfen, was geschreddert werden kann und was besser nicht erst aufbewahrt werden sollte.

erschienen am 19. Juli 2005 im HAMBURGER ABENDBLATT  (Axel Springer Verlags AG)

 


Vertrauensstelle gegen Korruption eingerichtet :

DIE WELT:   http://www.welt.de/data/2003/06/27/125276.html


 

Vertrauensstelle gegen Korruption eingerichtet

Hamburger Wirtschaft geht selbst gegen Bestechung vor -
Rechtsanwalt soll Informanten motivieren und schützen von Ira von Mellenthin

Erstmals in Deutschland will sich auch die Wirtschaft tatkräftig am Kampf der Strafverfolgungsbehörden gegen Korruption beteiligen. So wurde am Donnerstag in Hamburg nach monatelangen Vorplanungen vom Verein Pro Honore, Treu und Glauben im Wirtschaftsleben, eine Vertrauensstelle gegen "Korruption in Wirtschaft, Amt und Politik" eingerichtet. Leiter der Vertrauensstelle, die neben Pro Honore von der Handelskammer, der Handwerkskammer und der Versammlung eines Ehrbaren Kaufmanns auch finanziell unterstützt wird, ist der Hamburger Strafverteidiger Gerhard Strate. Er, so die Hoffnung der Konzeptträger, könne als Anwalt die Schwellenangst von Hinweisgebern gegenüber Polizei und Staatsanwaltschaft senken und über die Sicherstellung der Vertraulichkeit der Informanten besser als die Strafverfolgungsbehörden dazu motivieren, Korruptionsvorgänge zu benennen.

Die Vertrauensstelle wird daher auch von der Staatsanwaltschaft begrüßt. Als "Ergänzung" zu polizeilichen und staatsanwaltschaftlichen Ermittlungen und Ermittlungsmöglichkeiten sei die Vertrauensstelle "wünschenswert", erklärte Staatsanwaltschaftensprecher Rüdiger Bagger. So könnten Strafverfolgungsbehörden Hinweisgebern eine Vertraulichkeitszusage nur bei schwerer Kriminalität machen. Bei mittlerer Kriminalität, zu der Korruption zähle, bedürfe die Vertraulichkeitszusage der Einzelfallprüfung. Zudem sei die Staatsanwaltschaft an die Vertraulichkeitszusage nicht mehr gebunden, wenn Hinweisgeber gleichzeitig auch Täter seien. Die Vertrauensstelle mit Strate als Anwalt, der Vertraulichkeit gewähre, könne daher "Initialzündung" sein, um mehr Korruption zu offenbaren.

Strate begründete sein Engagement als Vertrauensmann mit dem hohen Schaden. Vorteilsgewährung und -annahme sowie Bestechung und Bestechlichkeit erodiere den Rechtsstaat. Daher setze er sich gern für das Pilotprojekt ein. Gleichzeitig räumte der Anwalt ein, im Zweifelsfall Kenntnis auch von großen Korruptionsvorgängen zu erfahren, ohne dies zur Anzeige bringen zu können, weil Informanten dies ablehnten. Allerdings wolle er dann versuchen, durch "Sachbeweise" zur Einleitung von Ermittlungen zu verhelfen.

Handels- und Handwerkskammer versprechen sich unterdessen von der Vertrauensstelle eine wirksamere Bekämpfung sowie eine spürbare Verhinderung von Korruption. Die Vertrauensstelle führe zu einer "Selbstreinigung". Die Versammlung eines Ehrbaren Kaufmanns geht noch weiter. Die Vertrauensstelle, so der Vorsitzende der Versammlung, Egbert Diehl, biete Tätern die Möglichkeit, sich ohne Furcht vor Sanktionen zu offenbaren. Damit werde Hamburg ein "ganz gefährliches Pflaster für Korruptionstäter".

Artikel erschienen am 27. Juni 2003